Christoph Rütimann
«Venedig im Boot – Luzern»
30. Januar – 17. April 2010
Ein Boot, das über einen Monitor zu einer abenteuerlichen Fahrt entlang der Schiffs- und Bootskanten in Venedigs Kanälen einlädt; eine «Linie gegen den Fluss an den See», eine ausgediente Wehrnadel mit Appendix in Form eines Mini-Bildschirms, über welchen man zum akustischen und optischen Zeugen einer Performance wird – das sind die sehr verschiedenartigen, aber dennoch auf äusserst stringente Weise miteinander korrespondierenden Werke in Christoph Rütimanns (geboren 1955 in Zürich, lebt und arbeitet in Müllheim, Thurgau) Präsentation «Venedig im Boot – Luzern». Der Titel verrät die geographischen Eckpunkte, die eigentlichen Ausgangspunkte des Vorhabens; die drei komplexen Werke aber ergründen darüber hinaus die konkrete Situation des Ausstellungsraums.
Bei aller Verschiedenartigkeit der verwendeten Materialien und Medien lassen sich in den Arbeiten Gemeinsamkeiten entdecken: der ihnen zu Grunde liegende konzeptionelle und performative Ansatz, der Kalkül und Zufall gleicherweise einschliesst, die Linie als zwei- oder dreidimensionale Markierung, aber ebenso das Spiel mit der Schwerkraft und Perspektive. Allenthalben scheint hier auch, wie so oft in Christoph Rütimanns Werk, eine Faszination für naturwissenschaftliche und wahrnehmungstheoretische Fragestellungen durch; dies zeigt sich in der spielerischen Art, in der hier das Rationale um die Dimension des Unwägbaren erweitert wird. Christoph Rütimanns Œuvre setzt sich zusammen aus verschiedenen Werkgruppen, die sich zeitlich gesehen parallel zueinander weiterentwickeln. Man möchte die einzelnen Materialien und die mit ihnen verbundenen Fragen, die immer wieder auftauchen, als Spielsteine bezeichnen – geht es doch dem Künstler offensichtlich nicht so sehr darum, eine Entwicklung im Sinne eines Fortschritts in eine bestimmte Richtung voranzutreiben. Vielmehr lässt sich bei Christoph Rütimann ein Ausloten in verschiedene Richtungen feststellen, ein Ausschwärmen, auf welches ein Sich-Beschränken durch eine Reduktion der Mittel oder ein Wieder-zurück-Kehren zum «Alten» folgt, das allerdings durch die neue Verortung stets aktualisiert wird.
«Venedig im Boot – Luzern» bildet den Auftakt zu einem grösseren Projekt, das der Künstler während eines mehrmonatigen Venedig-Aufenthaltes im Sommer 2009 erarbeitet hat und das in den nächsten Monaten an weiteren Schauplätzen jeweils ortspezifisch inszeniert wird. Die titelgebende Installation besteht aus einem Übersetzboot der Luzerner Pontoniere und einer Videoarbeit, die zunächst eine visuelle und akustische Erkundung der Kanäle Venedigs aus ungewohntem Blickwinkel darstellt. Hatte Christoph Rütimann in den schon verschiedentlich gezeigten «Handlauf»- oder «Geh-Länder»-Arbeiten noch durch die Bewegung des eigenen Körpers – die Geschwindigkeit seiner Schritte – das Metrum der Handkamerafahrten beeinflusst, so ist es in der hier gezeigten Reise entlang unzähliger Boots- und Schiffsrümpfe das Tempo des Motorbootes, in welchem sich der Künstler durch die Kanäle Venedigs schippern lässt, bestimmend. Aus der Fokussierung oder Fixierung auf die verschiedenartigen Bootskanten resultiert ein eigenartiges Bild, in welchem die übliche Bildperspektive, die Zentralperspektive, gleichsam aufgehoben scheint. Die reale Bootskante durchsticht zwar in der Installation das bewegte Bild des Videos just an der Stelle, an der die Kamera jeweils die Kanten der Venezianer Boote aufgenommen hat, so dass sich im Zusammenspiel der beiden Medien – des Objekts und des Videos – eine faszinierend schlüssige Raumflucht bildet. Das Gezeigte ist allerdings ein völlig unübliches Venedig, lässt man die statische, objektiven Überblick suggerierende Vedute als massgebliches Bild der Lagunenstadt gelten: Christoph Rütimanns dynamisches Kameraauge sucht nicht repräsentative Ansichten, sondern folgt den Kanten als Grenzziehungen oder Scharniere zwischen Horizontale und Vertikale.
Einen klassischen Horizont markiert dagegen die Linie, die vom hinteren Raum, vom Boot her, in den seeseitig gelegenen neuen Ausstellungsbereich (und wieder zurück) führt. Es handelt sich dabei um eine Zeichnung, die sich über mehrere Wände erstreckt und so den Raum recht eigentlich schafft. Wo sich bisher eine Fensterfront mit Gesims befand, eröffnet sich jetzt ein anderer, vorgestellter und gleichzeitig wirklicher Raum – über verschiedene Zwischen-Räume hinweg. Eine spezifische Rhythmisierung dieser von Hand gezogenen Linie ergibt sich nämlich aus den unterschiedlich dimensionierten Rahmen, die in ihrem Mass immer auch mit der Architektur kommunizieren und als Intervalle oder visuelle Synkopen funktionieren. «Die Linie gegen den Fluss an den See» – so der Titel der Arbeit – stellt aber nicht nur das Verbindungsglied zwischen «Venedig im Boot – Luzern» und dem aus ähnlichen Materialien bestehenden, wiederum Auge und Ohr gleichermassen ansprechenden Multiple «Nadelwehr» dar: Sie erinnert auch daran, dass Christoph Rütimanns Linienarbeiten in Luzern sozusagen ihren Ursprung haben. Unter dem irritierenden Motto «Die Unschärfe der Lilie» präsentierte sich eine ähnliche Markierung, allerdings ungerahmt, anno 1987 im alten Kunstmuseum Luzern erstmals in einer Ausstellung.
Die Arbeit «Nadelwehr» ist aus der Performance «Nadelwehr und Tonfischen für Kakteen» hervorgegangen, die der Künstler im vergangenen Herbst an der Luzerner Spreuerbrücke realisiert hat. Die akustische und optische Dokumentation der Performance war für «Nadelwehr» freilich nur Rohmaterial: Aus den Aufzeichnungen hat Christoph Rütimann eine Komposition für die mehr als mannshohe Holznadel geschaffen, die mit der Sanierung des Stauwehrs ihre ursprüngliche Funktion verloren hat. Dies wiederum korrespondiert mit dem Umstand, dass hier auch die Kaktusnadeln nicht mehr im eigentlichen Sinne als Abwehr taugen: Der Künstler verwendet die Nadeln der Pflanze ebenso selbstverständlich als Instrument wie die Bestandteile des alten Wehrs. Die Zusammenführung der beiden verschiedenartigen Dinge, der Wehrnadeln und der Kaktusnadeln, gelingt aber auch über den Werktitel, wobei das vieldeutige «Nadelwehr»seinerseits die eminente Bedeutung der Sprache in Christoph Rütimanns gesamtem Werk reflektiert.
Isabel Fluri