Edith Flückiger
«ALLES EINS»
30. Oktober – 18. Dezember 2010
Edith Flückiger (*1960 in Wien, lebt und arbeitet in Luzern) zeigt bei Hilfiker Kunstprojekte Schrift-Bild-Arbeiten, die mit einer Ausnahme in diesem Jahr neu entstanden sind. Die Ausstellung «ALLES EINS» stellt die ganze mediale Bandbreite vor, innerhalb derer die Künstlerin aktuell mit dem «Rohmaterial» Text experimentiert. Inhaltlich wie formal immer von grosser Bedeutung sind in all diesen Werken Fragen der Sicht- und Lesbarkeit, sowie jene hinsichtlich des Verstehens und Begreifens von etwas im weitesten Sinne. Mit verschiedenen Mitteln lotet Edith Flückiger die Möglichkeiten des Schriftzeichens als Grundelement der verbalen und bildhaften Kommunikation aus – Buchstaben als «ins Bild gesetzte» haben nicht mehr nur verweisenden, zeichenhaften Charakter im Dienste irgendeiner bestimmten Bedeutung.
Die Videoprojektion «gestern» (2010) zeigt im Ausstellungsraum 1 einen als zweifarbiges bewegtes Bild sich entwickelnden Text. Geschildert wird aus der Ich-Perspektive das in einer jüngsten Vergangenheit – eben am vorangehenden Tag – erlebte Eintauchen ins Wasser und eine damit verbundene vorübergehende Irritation der Gedanken, die als räumliche Verschiebung im Körper wahrgenommen wird. Die im Text implizierten Übergänge, Berührungen und (Grenz-)Verschiebungen manifestieren sich sowohl visuell als Bild, als auch akustisch vermittels der Tonspur: Binäre Strukturen finden sich im Bild etwa als Umdrehungen und Farbgrenzen – als Aufteilung in ein farblich je diverses Oben und Unten, Hinten und Vorne, oder Links und Rechts. Auch die Geräuschkulisse weist eine entsprechende duale Struktur auf. Dumpfere, wummernde und damit körperlich und «innerlich» wirkende Töne werden abgelöst durch und aufgehoben von schärferen, akzentuierteren Geräuschen, die man mit der Aussenwelt in Verbindung bringen mag. «gestern» stellt somit ein – durch den Loop endlos sich wiederholendes – Spiel von Kräften vor, in dem in der buchstäblichen und bildlichen Schilderung eines «organischen», körperimmanenten Geschehens eine ununterbrochene Organisation und Umordnung sich vollzieht.
Im Ausstellungsraum 2 präsentiert sich eine animierte Typografie auf einem LCD-Monitor. Im Vergleich zu «gestern» wirkt die Schrift in «hier & jetzt (02)» (2010) geradezu entfesselt: Sie bewegt sich aus einem dunklen unergründlichen Bildraum auf den Betrachter zu und verschwindet wieder in diesem. Durch seine ständige Vergrösserung und Verkleinerung erhält auch das einzelne Schriftzeichen eine enorme Präsenz, während aber die Bedeutung des Texts über die Sprechstimme – die als eine Art Medium funktioniert – noch einmal in anderer Weise akzentuiert wird. Auch hier ist auf der Textebene mit dem Aufwachen aus einer Narkose eine gleicherweise bekannte wie existenzielle physische und intellektuelle Übergangs- oder Grenzsituation angesprochen, die sich nicht etwa als Abbild oder Illustration, sondern in ihrer ganzen Unfassbarkeit und Komplexität vermittelt.
«Slogan (ASK...)» (2010) ist das Leuchtkastenobjekt tituliert, das sich im Ausstellungsraum 3 befindet. Doch was wird über den roten Raum einnehmenden leuchtenden Kasten angepriesen? Eher als eine phrasenhafte Werbebotschaft ist ASK NOW FOR LATER eine Denkformel. Die zeilenweise einzeln gesetzten Worte geben ein Metrum vor, das eine bestimmte Lesegeschwindigkeit vorgibt. Dennoch überwiegt die statische Präsenz des Schriftbildes – diese verstärkt sich durch den Umstand, dass die übrigen Werke der Ausstellung entweder bewegte oder dezidiert zur Bewegung auffordernde Bilder sind.
In der Koje variiert «textpict 04» aus dem Jahr 2000 die Wortkombination «was einem bleibt». Der Text läuft zunächst in Leserichtung und dann in der Gegenrichtung über den sich in aussergewöhnlicher Position befindlichen Bildschirm. Die quasi mit und gegen den Strich zu lesende Wortfolge wird begleitet von einer Tonspur, die ihrerseits Bewegtheit in einem spezifischen Rhythmus artikuliert. In der anagrammatischen Umstellung der Worte ändert sich der Sinn der Aussage: sie wird fragend, behauptend, et cetera. «textpict 04» funktioniert wie ein manisches Gedankenspiel: Nie gerinnt eine Formel zur Feststellung, zum eigentlichen Satz, sondern rotiert und modifiziert sich in unendlicher Bewegung. Dezidiert mit der Sicht- und Unsichtbarkeit spielt die Wandarbeit «ALLES SEIENDE» (2010), die sich wie beiläufig über drei der vier Ausstellungsräume fortsetzt. Anagramme des Werktitels formieren sich zu allen denkbaren, d. h. noch irgendwie sinnvollen Wortkombinationen. Die weisse Schrift erscheint auf der ebenso weissen Wand vornehmlich von der Seite betrachtet, aus der Ferne und tendiert zur Unsichtbarkeit, wenn man sich ihr nähert bzw. frontal an sie herantritt. Damit stellt sich für den Betrachter ständig die Frage nach der richtigen Perspektive – eine Situation, die auch bewusst macht, wie grundlegend die Distanz zu Gegenstand für die Wahrnehmung ist.
Isabel Fluri