Pirmin Blum
«The final curtain fall»
10. November – 18. Dezember 2009
Der in Wien lebende Schweizer Künstler Pirmin Blum (*1969 in Pfaffnau/LU) präsentiert sein vielfältiges Werk, das Videoarbeiten, Performances, Fotografien, Objekte und Installationen umfasst, zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder in seiner Heimat. Seine Arbeit eint ein konsequent konzeptueller Ansatz und die explizite Referenz auf Verfahren der Appropriation Art und der Pop Art. Charakteristisch für Pirmin Blums Œuvre ist eine bedeutungsmässige Latenz und die eigenartige Spannung, die sich zwischen der minderen, poveren Qualität des Ausgangsmaterials und der perfekten, glatten Ausführung der Arbeiten aufbaut – so auch in den Werken, die der Künstler speziell für die Ausstellung «The final curtain fall», seine erste Einzelausstellung in der Schweiz überhaupt, entwickelt hat.
Gingen von Pirmin Blums Videoarbeiten, die er vor allem bis etwa 2005 realisiert hat, noch eine surreale Kraft aus, die sich in den äusserst «coolen» Sujets und Settings umso stärker manifestierte, so sind die neuen Werke – meist Objekte, Fotografien oder Performances – ausdrücklich reduziert und minimalistisch. Doch ist die Nüchternheit und Ausdrücklichkeit dieser jüngsten Arbeiten auch nur eine scheinbare oder vordergründige. Gerade indem der Künstler unsere Sinne nämlich mit derart wenigen und vermeintlich eindeutigen «Daten» bedient, schickt er uns auf eine abenteuerliche Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Denk-Reise. Er spielt mit den Erwartungen seines Publikums, die er über Referenzen verschiedenster Art ganz bewusst weckt, um sie danach ins Leere laufen zu lassen. Nicht nur treiben Pirmin Blum immer wieder Motive aus der Geschichte der Kunst um und sind ihm Inspirationsquelle oder Material für seine Aktualisierungen; er verwendet auch auf bisweilen unverfrorene und unorthodoxe Weise Abbildungen von Kunstwerken. Zumeist handelt es sich dabei um Ausstellungsansichten, die der Künstler auf den Webseiten der renommiertesten Galerien und Sammlungen für Gegenwartskunst, zum Beispiel Gagosian oder Saatchi, findet.
Die Serie «Come Together», digitale Fotocollagen, in Form von objekthaften Diasecs gewissermassen «konserviert», zeigt Paarungen von dergestalt abgebildeten Ausstellungsobjekten unterschiedlicher Künstler. Mit Vorliebe verwendet Pirmin Blum Werkabbildungen von Künstlern, die ihrerseits spielerisch, ironisch oder nonchalant mit der Form des Zitats arbeiten. Der deutsche Künstler Anselm Reyle beispielsweise konfrontiert Kunst und Kitsch mit Zitaten aus bestimmten gesellschaftlichen Milieus – so drapiert er etwa in seinen Folienbildern billige Dekorationsfolie in der Art eines barocken Faltenwurfs. Eine solche Arbeit trifft bei Pirmin Blum auf ein Werk von Steven Parrino. Letzterer ist ein Künstler, der in einer Zeit, in die Malerei totgesagt wurde, auf ebensolche künstlerische Tendenzen referierte, zum Beispiel mit «missgestalteten» Leinwänden – aus ihren Keilrahmen gerissene und verzerrt wieder aufgespannte, monochrome Gemälde, die an die zerdrückte Karosserie eines Autos nach einem Unfall erinnern. Mit der Serie «Come Together» reflektiert Pirmin Blum auf seine Rolle als Konsument oder Beobachter, aber in einem weiteren Sinne auch auf den Kunstbetrieb. Er verfolgt die Transformation eines Kunstobjekts von der realen Ausstellungssituation in eine zweidimensionale Abbildung und beobachtet deren Diffusion im Netz – und versteht sein Verfahren als Schliessen eines Kreises, als Recycling im eigentlichen Sinne, indem er die Dinge, die frei im World Wide Web zirkulieren, in den Kunstkontext, in den Kunstraum zurückholt.
Als eine bildliche Reflexion auf das Ausstellen kann dagegen die Installation «Sleep» verstanden werden, in der ein eigentümlich illuminierter Vorhang den Raum sowohl optisch wie akustisch völlig neu konfiguriert. Ein üppig-schwerer Samtvorhang, nur leicht über dem Boden schwebend und die Form eines Kubus definierend, wird hier zum enigmatisch wirkenden Objekt, dessen enorme Präsenz geradezu unheimlich wirkt und implizit auf den Menschen oder vielmehr die Abwesenheit des Menschen verweist. Innerhalb von Pirmin Blums Œuvre ist allerdings vor allem der Bezug zur Werkform der Performance evident. Seit Längerem gehören nämlich improvisierte Performanceauftritte als «Popstar» zu den Praktiken des Künstlers. Dabei agiert Pirmin Blum mitunter vor, in oder hinter Vorhängen, die ihm gleichermassen als Kulisse, Hintergrund und Rückzugsmöglichkeit dienen. Wichtige Komponenten all dieser Performances sind das Akustische – Pirmin Blum lässt sich bisweilen von Minimal Elektro-Musikern begleiten, die ihrerseits mit Improvisationen auf seine Auftritte reagieren – sowie die Partizipation des Publikums. Noch einen Schritt weiter geht dies in der Arbeit «I’ll be your mirror»: Am Eröffnungsabend performt nicht der Künstler selber, sondern mehrere Personen aus seinem familiären Umfeld. Ausgehend vom Anliegen, Erinnerungen verschiedenster Art zusammenzubringen, treffen in dieser Performance, die während der Ausstellungsdauer als Video zu sehen und zu hören sein wird, Pirmin Blums Herkunft – er ist ein Bauernsohn aus dem luzernischen Pfaffnau – auf die Oberflächlichkeit des Grossstadtlebens und auf Pop (Art), repräsentiert durch den eingängigen Song der von Andy Warhol portierten Band Velvet Underground.
Gleichfalls virulent sind die Themen Starkult, Schönheit und Vergänglichkeit, sowie absurde Kombinationen und mediale Transformationen in der Serie, die Pirmin Blum für Hilfikerfoto als Edition realisiert hat: Er hat aus rund 30 Jahre alten Bravo-Posters ausgeschnittene farbige Augenpaare mit Schwarzweiss-Abbildungen von Skulpturen Michelangelos zusammengefügt, die so entstandenen Porträts gescannt und stark vergrössert. Die versteinerten Gestalten werden durch die Blicke der Starlets des Pop jedoch nicht einfach zum Leben erweckt; vielmehr wird durch Pirmin Blums Eingriff in den Figuren Michelangelos ein Ausdruck der Schwermut und Melancholie sichtbar.
Isabel Fluri