Robert Estermann
«Clay Collection and Speculative Plane»
9. November – 23. Dezember 2011
Die Ausstellung «Clay Collection and Speculative Plane» –nach «Modern Beach Design» im Herbst 2009 bereits die zweite von Robert Estermann bei Hilfiker Kunstprojekte– besteht aus einer gleichnamigen installativen Arbeit und einer Zeichnung. Ausgangspunkt für das aktuelle Projekt war die Rauminstallation des Künstlers im Rahmen der diesjährigen «Art en plein air» in Môtiers. Dort hatte Robert Estermann eine raumgreifende, ortspezifische Installation mit dem Titel «Door to the Clay Class» realisiert – zwei Säle voller Schulbänke, auf denen (von Architekturstudenten gefertigte) ungebrannte, roh belassene Tonfiguren gruppiert waren. Das eigenartige, schier ein Gefühl der Beklemmung auslösende Klima des Raumes wurde durch diverse Luftbefeuchter generiert. Ein Teil der Tonfiguren, die fast allesamt menschliche Figuren, Körperglieder oder -organe darstellen, hat nun für die neue Arbeit «Clay Collection and Speculative Plane» einen Anstrich aus Flüssigkunststoff erhalten. So «uniformiert», ähneln die Objekte Plastiken, wie man sie aus der Kunst der letzten gut einhundert Jahre kennt – dort notabene meist in anderem, deutlich grösserem und insofern repräsentativerem Format. Ungleich klassischer skulpturaler Werke im Ausstellungskontext sind jedoch Robert Estermanns Clay Figures weniger aus- als aufgestellt, oder vielmehr: sie sind nicht so eindeutig versammelt, wie der Werktitel vermuten lassen möchte, sondern eher verstreut und locker arrangiert. Die Anordnung der Figurinen folgt augenscheinlich nicht Regeln der Ähnlichkeit oder der Art der Darstellung, sondern einzig den nicht logischen, sondern ästhetischen, kompositorischen Prinzipien des Künstlers.
Die im Titel der Arbeit erwähnte spekulative Ebene («Speculative Plane») ist zu verstehen als ein künstliches Feld oder überhaupt als das Feld der Kunst. Sehr unmittelbar wird dieser Umstand erfahrbar in der Anordnung der Installation: Der erwähnte Bereich, die spekulative Ebene –oder das Feld des Intellektuellen und (Nur-)Möglichen, sich über das Wirkliche hinaus Öffnenden–, ist vom Betrachter abgetrennt und definiert durch das beträchtlich hohe Gitter. Zwischen dessen Stäben hindurch lassen sich die dahinter platzierten Objekte –Figurinen, Archivschrank und Furnierholztisch– wie durch ein geometrisches, die Perspektive akzentuierendes Raster ins Auge fassen. Das Gitter ist also nicht nur ein abwehrender Grenzzaun, sondern auch eine blickdurchlässige Struktur, ähnlich dem Gitterraster, das man in frühen Darstellungen zur Beschäftigung mit der Zentralperspektive findet (etwa der berühmte Holzschnitt «Der Zeichner des liegenden Weibes» in Albrecht Dürers «Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt» von 1525). Es stellt die Schwelle dar zu jenem Bereich des Utopischen, als den die spekulative Ebene auch begriffen werden kann, und mit dem das Leitmotiv in Robert Estermanns Arbeiten aufscheint.
Die beiden vermutlich aus einem 1970er-Jahre-Büroraum stammenden, aber ihrer Funktion enthobenen Möbel bilden in «Clay Collection and Speculative Plane» einen geradezu massiven Kontrast zu den offensichtlich handgeformten und sorgsam in einer Art wolkenförmigem Feld arrangierten Figurinen; letztere erscheinen neben dem statischen, einfache Volumina definierenden Mobiliar zierlich und fragil, aber trotz ihrer firnisartigen, mithin versiegelten Oberfläche auch eigenartig lebendig. Es sind da also einmal diese schwer wirkenden Elemente, diese Möbel, die –obschon selber gewissermassen überholt, weil einer anderen, vordigitalen Epoche entstammend– der Alltags- und Arbeitswirklichkeit und damit dem Bereich des Ökonomischen (und damit auch Spekulativen) zuzuordnen sind, aber hier auch entfernt an ebenfalls historische Tendenzen innerhalb der Kunst erinnern (Minimal Art, Ready Made). Mit ihnen konfrontiert und doch für sich ein eigenes kleines Universum bildend sind da die weiss gefassten Tonfiguren, die skulpturale Kunst fast schon persiflieren – als eine separate überschaubare Welt innerhalb der Installation, der ja auch als Ganzes das Moment des Utopisch-Spekulativen innewohnt.
«We Have to Go Over the Building.» – Diese Aufforderung oder vielmehr: Feststellung (denn das appellative Ausrufezeichen fehlt) steht mit dickem Marker geschrieben auf einem Blatt Papier, das in unmittelbarer Nähe der Installation «Clay Collection and Speculative Plane» an die Wand des Ausstellungsraums geheftet ist. Als radikale Erklärung steht die zeichnerische Arbeit für sich, unterstreicht aber auch deutlich die Bildaussage des dreidimensionalen «Tableaus» der Installation.
Isabel Fluri